Interview Hospiz



"Sie sind wichtig,
weil Sie eben sind."

Interview mit Johannes Schlachter, Pflegedienstleiter im Ricam Hospiz, Berlin-Neukölln, von Stefan Osche



Johannes Schlachter, Pflegdienstleiter und stellvertretender Geschäftsführer des Ricam-Hospizes in Berlin-Neukölln




Dachterasse des Ricam Hospizes




Über 100 Ehrenamtliche unterstützen das Fachpersonal




"Es gibt Hoffnung, dass die Gesellschaft sich mehr um die Sterbenden kümmert"











Herr Schlachter, wir sind hier über den Dächern vor Neukölln im Ricam Hospiz. Was ist ein Hospiz?

Das Wort Hospiz kommt von Cicely Saunders, die das erste Hospiz 1967 in London gegründet hat. Ursprünglich wurden damit die Herbergen auf den Pilgerwegen bezeichnet. Dort konnten die Wanderer gepflegt oder betreut werden, das Wort hat also einen christlichen Ursprung. Es gibt zwar noch Hospize im Sinne von Hotel oder Pension, mittlerweile wird dieser Begriff aber weltweit als Ort für den sterbenden Menschen verwendet. Nach Cicely Saunders bezeichnet der Begriff „Hospiz“ aber nicht einfach nur ein Ort zum Sterben, sondern auch ein Konzept zum Umgang mit sterbenden Menschen. Ganz nach dem Motto, welches sie prägte: „Sie sind wichtig, weil Sie eben sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.“

Welches spezielle Konzept verfolgt Ricam?

Wir haben einen ambulanten und einen stationären Teil. Hier über den Dächern von Neukölln sind wir im stationären Teil unseres Hospizes, im Erdgeschoss ist unser ambulantes Hospiz beheimatet. Im ambulanten Teil arbeiten palliativ ausgebildete Fachkrankenschwestern, die beratend, koordinierend und unterstützend Menschen in Übergangssituationen – in Notfallsituationen rund um die Uhr – in deren häuslicher Umgebung betreuen. Diesen Koordinatorinnen steht ein großes Team von Ehrenamtlichen zur Seite, die unterstützend tätig sind. Im stationären Teil werden dann die Patienten aufgenommen, die zuhause nicht mehr betreut werden können.

Welche Aufgaben haben diese Ehrenamtlichen bei Ihnen?

Wir haben weit über 100 Ehrenamtliche, die uns in der ambulanten und stationären Betreuung unterstützen. Diese, in speziellen Kursen geschulten Personen, sind in der ambulanten Pflege einem Patienten, einer Familie zugeordnet und begleiten den Sterbenden bis zum Tod. Sie bieten den Angehörigen danach eine Trauerbegleitung an. Für den stationären Teil haben wir Ehrenamtliche, die mehr praktisch-organisatorische Tätigkeiten wahrnehmen. Die arbeiten in der Küche, im Garten, am Empfang. Es ist sehr wichtig für die Hospizarbeit, dass die Begleitung sterbender Menschen in deren häuslichem Umfeld beginnt. Das ist an keine Profession gebunden. Hospiz ist nicht einfach eine Ansammlung von Fachpersonal, sondern in erster Linie auch ehrenamtliche Arbeit von Menschen, die sich von uns ausbilden lassen, damit sie über ihre eigenen Bezüge zu Tod, Trauer, Verlust und Glaube lernen, wie man mit anderen kommuniziert.

Müssen die Ehrenamtlichen eine medizinische Qualifikation mitbringen?

Gerade nicht. Ein Maurer, der bei uns im stationären Hospiz ist, freut sich ganz besonders, wenn er hier von einem Ehrenamtlichen betreut wird, der auch Maurer ist. Mit dem er dann auch über sein Leben reden kann und nicht nur mit einer Krankenschwester, die von Bautätigkeiten gar nichts versteht. Das ist gerade die besondere Ressource unserer Ehrenamtlichen, dass diese Menschen ihre Persönlichkeit mitbringen. Das ist für die Beziehungsarbeit im Hospiz besonders wichtig. Danach kommt das Fachliche.

Wie ist der zeitliche Aufwand für die Ehrenamtlichen?

Unsere Erwartung ist, dass mindestens vier Stunden pro Woche Zeit für einen Patienten aufgebracht wird, dass also pro Woche ein Besuch durchgeführt werden kann. In der Regel passen die Ehrenamtlichen ihre Zeit den Bedürfnissen der zu betreuenden Person an. Die berufstätigen Ehrenamtlichen können i.d.R. nur abends tätig werden. Menschen, die diese Tätigkeit nach ihrer Pensionierung aufnehmen – was wir sehr begrüßen und für sinnvoll halten – haben natürlich auch zu anderen Tageszeiten Zeit. Die Koordinatoren prüfen, welche Betreuung im konkreten Fall benötigt wird und wer von den Ehrenamtlichen hierfür in Frage kommt.

Worin unterscheidet sich die stationäre von der ambulanten Pflege?

Ambulante Pflege findet in heimischer, gewohnter Umgebung in erster Linie von Familienangehörigen statt. Wenn keine Angehörigen vorhanden oder diese mit der Hauspflege überlastet sind, z.B. wenn größere Wunden vorhanden sind, häufig Verbandwechsel stattfinden müssen oder Demenz oder Aggression vorhanden ist, wird die ambulante Pflege schwierig, wenn nicht unmöglich und die Pflege wird stationär fortgesetzt. Es  gibt aber auch Mütter und Väter, die sich sehr bewusst in die stationäre Hospizpflege begeben, damit die Kinder das Leben ohne Mama oder Papa einüben können. Es ist hilfreich, wenn der Abschied „auf Raten“ erfolgen kann.

Wie kommen die Menschen zu Ihnen? Wie kommen die mit Ihnen in Kontakt? Man schaut ja sicher nicht in die Gelben Seiten, oder doch?

Die Gelben Seiten sind heutzutage ja Google. Und wir bemühen uns auch bei Google vorzukommen. Wir versuchen eine gute Internet-Präsentation zu haben und wer uns im Internet findet, kann sich online (unter www.ricam-hospiz.de) schon einen Eindruck von unserer Arbeit machen. Es gibt aber auch Situationen, in denen kranken Menschen, bei denen keine heilende Therapie mehr möglich ist, geraten wird, sich über Hospizarbeit zu informieren. Es ist jedenfalls ratsam, sich rechtzeitig zu informieren und zwar bevor man ein Hospiz braucht. Es gibt viele Menschen, die sich hier alles anschauen und sich auf eine Warteliste setzen lassen. Es ist eine vorsorgliche Warteliste, d.h., wir würden niemals anrufen und sagen: Wir haben nun einen Platz frei. Wir warten dann natürlich, bis wir ein Zeichen bekommen, dass der Platz jetzt gewünscht wird. Vielen Menschen ist es wichtig, dass sie wissen, sie stehen auf der Warteliste und können so lange zuhause bleiben, wie sie es wünschen.

Wir haben uns eben ein Zimmer angesehen. Ein schönes Zimmer mit einem Krankenbett. Aber Hospiz ist keine Klinik. Worin unterscheidet sich Hospiz von Krankenhaus?

Menschen, die besonders pflegebedürftig sind, werden bei uns grundsätzlich auf gleichem Niveau wie in einer Klinik versorgt und betreut. Was wir nicht bieten ist „Diagnostik“, diese muss abgeschlossen sein. Im Krankenhaus muss festgestellt sein, dass keine Therapieoptionen mehr bestehen. Was Pflegekomfort und Schmerzfreiheit angeht, arbeiten wir auf klinischem Niveau.

Die Menschen die zu Ihnen kommen, sind am Ende ihres Lebens angelangt und sie wissen es auch. Wie gehen die Menschen damit um? Was ist ihnen dann wichtig?

Wie die Menschen damit umgehen ist – glücklicherweise – bei jedem unterschiedlich. Ich habe hier gelernt, dass mehrere Dinge gleichzeitig wichtig sein können: Dass jemand weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat und dass er es auch vergessen und den Alltag leben kann. Die meisten Patienten möchten zum Beispiel nicht, dass in der Weihnachtszeit von einem Chor traurige Lieder gesungen werden. Wir haben letztens darüber diskutiert, ob man „Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen“ singen darf, wenn man weiß, dass Gesundheit und Zeit für Frohsinn wahrscheinlich begrenzt sind. Wir sind dann aber zum Entschluss gekommen, dass dieses Lied viele Menschen ihr ganzes Leben begleitet hat und dass es gar nichts ausmacht, dass man weiß, dass es nicht mehr zu viele Geburtstage zu feiern gibt. Es geht darum, den Alltag so normal wie möglich zu leben und das ist so unterschiedlich, wie es auch bei Gesunden der Fall ist. Es gibt gute und schlechte Tage und wir helfen, die nicht so guten Situationen zu ertragen. Wir versuchen hier den Alltag so normal wie möglich zu gestalten. Noch etwas ist den meisten unserer Patienten wichtig: Gemeinschaft. Vor allem die Gemeinschaft der hier im Hospiz lebenden Menschen, die bald sterben werden. Anfangs dachten wir, dass es unsinnig ist, wenn Menschen, die ambulant durch unser Hospiz betreut wurden, noch für wenige Tage zu uns kommen. Aber dann haben wir festgestellt, dass es gut für die Patienten war, weil sie dort sterben konnten, wo sie sterben wollten.

In der Religion spielt das Leben nach dem Tod eine wichtige Rolle. Wie ist das hier im Hospiz? Ist das ein Thema?

Wir haben viele Patienten aus Ost-Berlin. Für viele dieser Menschen sind die Begriffe Gott und Kirche mit Inhalt nicht besetzt. Aber manchmal kommt dann doch ein Glaube zum Vorschein. Sei es der Glaube an „Wir werden uns alle wiedersehen“ oder an eine Wiedergeburt. Wir haben hier viele Menschen mit buddhistischem Hintergrund, da wir von Anfang an mit einer Buddhistin zusammengearbeitet haben und somit in diesen Kreisen bekannt sind. Ich dachte bis vor kurzem, dass wir nur wenig Patienten mit einem christlichen, lebendigen Glauben haben. Aber dann haben mir bei einem Rundgang drei Frauen gesagt: Wir sind fest in unserem christlichen Glauben und sicher, dass wir zu Gott kommen werden. Es hing dann auch ein Kreuz oder ein christlicher Spruch an der Wand. Das hat mich dann doch überrascht, dass von 15 Patienten drei dies so deutlich zum Ausdruck gebracht haben.

Kommen Seelsorger zu Ihnen ins Haus?

Wir hatten von Anfang an buddhistische und christliche Seelsorge. Die Neuapostolische Kirche schickt ab und zu auch Seelsorger, wenn es sich um neuapostolischen Patienten handelt. Ich habe zudem vor einiger Zeit einen katholischen Pfarrer gebeten, öfter einmal bei uns – ganz unverbindlich, einfach auf einen Kaffee – vorbeizukommen. Er wurde dann im Hospiz schnell bekannt und gut aufgenommen. Die Patienten empfinden ihn als sympathisch und nett und sprechen dann ganz zwanglos mit ihm, auch über ihren „Nichtglauben“. Das führte dazu, dass sich eine junge Frau öffentlich in einer Kirche taufen ließ. Sie saß im Rollstuhl, von ihrer Krankheit deutlich gezeichnet, aber sie war froh und wir fühlten, dass sie in „ihrer“ Gemeinde angekommen war.

Was gibt den Menschen, die hier arbeiten, die Kraft, diese Arbeit zu leisten und welche Fähigkeiten müssen sie mitbringen?

Man muss für diesen Job berufen sein. Nicht jede Krankenschwester kann oder will im Hospiz arbeiten. Manche, die im Alten- oder Pflegeheim arbeiten, sagen, dass sie im Hospiz nicht arbeiten könnten. Ich empfinde die Arbeit im Alten- oder Pflegeheim dagegen als viel schwieriger, anstrengender und manchmal frustrierender, weil dort oft weniger Personal vorhanden ist. Außerdem ist die Arbeit oft eintöniger, weil die Bewohner dort länger sind und immer das Gleiche zu tun ist. Hier sind die Pflegenden sehr intensiv mit dem Gegenüber beschäftigt, aber auch mit den Angehörigen. Die wichtigste Fähigkeit, die eine Pflegekraft hier haben muss, ist permanent achtsam und aufmerksam ihrem Gegenüber zu sein. Letzten Freitag gab es einen Patienten, der wenig kommunizieren konnte. Wir haben nicht mehr verstehen können, was er meinte. Er wurde schnell aggressiv, wenn wir seine Worte falsch auslegten, auch wenn er Ja oder Nein sagte, war die Bedeutung nicht immer Ja oder Nein. Wir mussten raten, was er wohl meinte. Er hatte sich sehr verändert und wir haben uns dann alle hierzu ausgetauscht. Irgendwann habe ich dann zu dem Patienten gesagt: „Es geht hier nicht um eine Krise, es geht jetzt um‘s Sterben. Und wir müssen nun prüfen, ob Ihre Entscheidung, möglichst wenig Schmerzmittel zu bekommen, jetzt auch noch gelten soll.“ Diese Achtsam- und Aufmerksamkeit zu haben, ist die wichtigste Herausforderung an die Mitarbeiter und manchmal ist das auch überfordernd. Dafür hat man als Mitarbeiter aber auch eine sehr häusliche Umgebung. Es ist eine kleine Einrichtung. Jeder kennt sich. Es gibt eine Küche als Mittelpunkt des Hauses, in der man sich hinsetzen und mit Bewohnern essen kann. Unsere Mitarbeiter wollen alle sehr nah am Menschen arbeiten und sich nicht hinter Diagnosen, Blutdruckmessgeräten und Sonstwas verstecken.

Wird dem Thema Tod und Sterben in unserer Gesellschaft aus ihrer Sicht genügend Raum gegeben oder wird es eher tabuisiert?

In der Gesellschaft hat eine deutlich spürbare Kehrtwende stattgefunden. Diese ist zum Beispiel in Pflegeheimen spürbar. Mir wird von dort tätigen Mitarbeitern berichtet, dass vor 10 Jahren kein Angehöriger am Bett einer sterbenden Person saß, heute sind die Angehörigen fast immer anwesend, wenn die Eltern oder Großeltern im Sterben liegen. Außerdem kennt heutzutage nahezu jeder Mensch den Begriff Hospiz und weiß was dort geschieht. Es gibt also Hoffnung, dass die Gesellschaft sich mehr um die Sterbenden kümmert, was  ja auch das Ziel der Hospizbewegung ist.

In Ihrem Hausprospekt habe ich gelesen, dass dieses Hospiz erst seit 1998 besteht. Gab es davor keine Hospize in Berlin?

Erst seit 1997 gibt es eine gesetzliche Grundlage zur Finanzierung der Hospizarbeit. Ricam war das erste Hospiz in Berlin, mittlerweile sind 13 weitere hinzugekommen. Aber noch immer gibt es Situationen, in denen wir akut Sterbende nicht aufnehmen können, weil wir keine Kapazitäten haben. Es wäre schon gut, wenn die ambulante Hospizarbeit ausgebaut werden könnte, damit für die letzten Tage ein stationärer Hospizplatz sichergestellt ist.