Unser tägliches Brot
 

Unser tägliches Brot gib uns heute


 
Kräutertag in Humboldthain. Foto: WP.


Die “Welternährungsuhr” in Hannover. Foto von 2013, Jörg Leske.


Erntedank in Humboldthain. Foto: WP.
 

Erntedank in Humboldthain. Foto: WP.


Die Weltbevölkerung im Jahr 2050? Foto: Jörg Leske.





(April 2016) Weltweit geht es in allen vier neuapostolischen Sonntagsgottesdiensten im April um das Vaterunser und seine Bedeutung. Am 10. April 2016 steht das Thema Brot durch die Gebetspassage „Unser tägliches Brot gib uns heute“ im Mittelpunkt.

Der Hannoveraner Bezirksevangelist Jörg Leske, Geschäftsführer von  „NAK karitativ“, dem Hilfswerk der Neuapostolischen Kirchen Deutschlands, hat sich vor einigen Monaten genau mit diesem Thema beschäftigt. Aufgrund der Aktualität veröffentlichen wir seinen Artikel, der bereits in der Gemeindezeitschrift Hannover-Süd und im Magazin „Ja. Im Norden“ erschienen ist, auch auf unserer Homepage.


Ich greife das Thema Brot auf, um Interessierte teilhaben zu lassen an der mich persönlich betreffenden Auseinandersetzung mit meiner Verantwortung – auch Mitschuld – zu den bedrängenden Fragen in diesem Zusammenhang.

In jedem Gottesdienst schmerzt mich die Bitte: „unser tägliches Brot gib uns heute“, die nach meinem Verständnis nicht zufällig in enger Beziehung zur folgenden Bitte steht: „und vergib uns unsere Schuld…“
„Brot“ verstehe ich hier zunächst als Metapher für Ernährung; die Ernährung von mir, dir, jedermann. Während in Mitteleuropa kaum jemand hungert, sind auf der Erde etwa 700 bis 800 Millionen Menschen unterernährt oder hungern!

In Hannover steht seit der Expo eine „Welternährungsuhr“. Daran ist ablesbar, dass die Weltbevölkerung in zwei Tagen etwa um die Menge der Einwohner Hannovers zunimmt. Gleichzeitig verhungert in dieser Zeit die Summe der Einwohner Hamelns. Wenn sich das Wachstum der Weltbevölkerung wie bisher fortsetzt, dürfte 2050 die Schwelle von 9 Milliarden Menschen weit überschritten sein – 2 Milliarden mehr als heute.

Dem gegenüber steht das nicht zu unterschätzende Phänomen kontinuierlichen Landverlustes. Dahinter steht auch die Degradierung vieler Böden. Allein in Deutschland gehen pro Jahr etwa 350 km2 Boden Anbaufläche verloren; zum Vergleich: die niedersächsische Landeshauptstadt hat eine Fläche von 204 km²! Fruchtbarer Boden ist jedoch die Voraussetzung für unser Leben. Leider ist er kaum produzierbar.

Weltweit geht Jahr für Jahr mit beängstigender Regelmäßigkeit fruchtbarer Boden verloren, entweder durch Wind, Wasser (Überschwemmungen), Erosion oder auch falsche Anbaumethoden.Wenn über Nacht ein Millimeter Boden durch Wind verloren geht, ist das scheinbar wenig, die Natur allein wird aber über 100 Jahre benötigen, diesen verloren gegangen Anteil von einem Millimeter wieder zu ersetzen. Wenn man berücksichtigt, dass die durchschnittliche fruchtbare Bodenschicht nur 150 Millimeter beträgt, wird deutlich, was für dramatische Folgen mit dem Verlust fruchtbaren Bodens verbunden sind.

Was in Industriestaaten durch Industriedünger und Chemikalien dank vorhandener finanzieller Mittel ausgeglichen werden kann, ist in den ländlichen Bereichen Afrikas und Asiens niemals zu ersetzen. Dort geht im Jahr etwa 20 Mal mehr an Boden verloren als neu gebildet werden kann, d.h. im Durchschnitt 30 Tonnen pro Hektar allein durch Erosion. Und es darf nicht übersehen werden, dass gerade kleinbäuerliche Betriebe 70% der Weltbevölkerung ernähren. Nach den Untersuchungen der Welternährungsorganisation FAO braucht es zur Ernährung eines Erwachsenen etwa 1.400 m2 Boden. In Afrika gingen zuletzt pro Jahr bis zu 500 m2 pro Person verloren. Wenn sich das so fortsetzt, wird dort noch vor der Mitte unseres Jahrhunderts kein fruchtbarer Boden mehr zur Verfügung stehen. Wovon ernähren sich dann die Menschen?

Mit steigendem Wohlstand – z. B. in Afrika oder Asien – steigt auch der Appetit auf Fleisch. Wurden noch Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Schweine mit Küchenabfällen ernährt oder mussten sie sich ihr Futter selbst im Wald suchen, verfüttern die Großmastbetriebe heute Kraftfutter, das damit für die Ernährung von Menschen nicht mehr zur Verfügung steht. Das gilt nicht minder für Rinder und ebenso für die Mast von Hühnern. Eine einfache Gleichung verdeutlicht die sich daraus ergebende Dramatik:

Um ein Hähnchen zu „produzieren“ müssen ca. drei Kilo Getreide verfüttert werden. Bei einem Kilo Schweinefleisch sind es ca. vier Kilo und bei einem Kilo Rindfleisch ca. 9 Kilo!
Zur Zeit der Gründung der Bundesrepublik wurden weltweit ca. 50 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Im letzten Jahr waren es deutlich mehr als 300 Millionen Tonnen, das heißt, dass in jeder Sekunde auf dem Erdball nahezu 2.000 Tiere geschlachtet werden. Davon ernähren sich allerdings fast ausschließlich die privilegierten reichen Weltbürger – zu denen zählen wir!

Es macht mich angesichts von weltweit ca. 700 bis 800 Millionen Hungernden sehr, sehr nachdenklich, wenn Berechnungen der Vereinten Nationen davon sprechen, dass allein von den Kalorien, die bei der Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel verloren gehen, theoretisch die Hälfte der heutigen Weltbevölkerung ernährt werden könnte: ca. 3,5 Milliarden Menschen.

Seit Jahren verwundert mich die Tatsache, dass wir unsere Kirchen offensichtlich nur noch per PKW erreichen können, öffentliche Verkehrsmittel scheinen keine Alternative zu sein. Das führt an Tagen mit sportlichen Großereignissen in Hannover zum Phänomen verschlossener Kirchentüren. Mich belastet dann jedes Mal neu der Gedanke, was sich da im Tank meines Fahrzeugs befindet. Für die Tankfüllung eines VW-Golf wird so viel Getreide benötigt, wie ein Erwachsener braucht, um sich mehrere Monate lang satt essen zu können (unter der Voraussetzung, dass die Treibstoffgewinnung aus Getreide erfolgt, sog. „Biosprit“ und sich der Erwachsene fleischlos ernährt).

Die Umweltorganisationen lassen uns wissen, dass im Jahre 2010 weltweit über 140 Millionen Tonnen Getreide für Bio-Sprit verwendet wurden. Davon könnten etwa eine halbe Milliarde Menschen ein Jahr lang ernährt werden. Tank oder Teller ist die Frage!

Das Thema Brot ist hoch komplex, darum an dieser Stelle nur noch ein letzter Aspekt: Wegwerfen! Bei uns zu Hause wird Brot so gelagert, dass es nicht schimmeln kann: Also nicht im Kühlschrank, nicht in der Plastiktüte. Aus altem Brot lassen sich übrigens hervorragend kalorienarme und leckere Chips herstellen…

Die FAO geht davon aus, dass etwa ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel verloren geht. Die Ursachen dafür sind vielfältig: falsche Lagerung, fehlende Transportmittel in den armen Regionen der Erde, Konsumgewohnheiten unserer dekadenten Gesellschaft. Das entspricht einem Wert von ca. 600.000.000.000 Euro (600 Milliarden!) und einer Menge von etwa 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel, genug, um damit dreimal so viele Menschen zu ernähren, wie zurzeit weltweit an Unterernährung leiden!

Ich bin betroffen, trage Mitschuld!


 
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