Interview mit BÄ Thiel

 

"Einfach die Ruhe genießen"
Exklusivinterview mit dem scheidenden Bezirksältesten Bernd Thiel
















 
Kurz vor seinem letzten Gottesdienst, den er als Leiter des Bezirks Berlin-Nordwest durchführen wird, sprach Redakteur Marc-Philipp Waschke mit Bezirksältesten Bernd Thiel über Herausforderungen, Probleme und positive Entwicklungen in seiner fast sieben-jährigen Amtszeit. Auch über seine Gefühlslage und Vorstellungen über die persönliche Zukunft gab der Bezirksälteste Auskunft.

Welche Gefühle beschleichen Sie, zu wissen, das ist Mittwoch der letzte Gottesdienst, den ich halte werde?

Bernd Thiel: Zunächst einmal ein leichtes und relaxtes Gefühl.

Was war in Ihrer Amtszeit die größte Herausforderung?

BT: Ich habe als Bezirksältester gestartet in den vollen Fusionsanfängen. Unsere Gebietskirche Berlin-Brandenburg  hat damals als erste deutschlandweit mit Gemeindefusionen  in größerem Maße begonnen. Nicht nur einzeln, sondern en bloc. In dieser Zeit bin ich Bezirksältester geworden und die größte Herausforderung war diese Gemeindefusionen zu meistern. Aus Teilen dreier Ältestenbezirken ist ein neuer Bezirk entstanden, der Bezirk Nordwest. Aus den alten Bezirken Schöneberg, Potsdam und Wedding wurden jeweils Teile zu einem neuen Bezirk mit dann zehn Gemeinden zusammengeschlossen.

( Anmerkung der Redaktion:
Neun Gemeinden waren durch Fusionen betroffen:

  •       Moabit, Charlottenburg-Alt mit Nordwest
  •       Staaken mit Haselhorst
  •       Weiße-Stadt mit Reinickendorf
  •       Wedding und Humboldthain )

Das bedeutet natürlich, dass eine ungeheuere Bewegung und Unruhe vorhanden war. Logischerweise gab es auch viel Unmut und sehr ruppige Diskussionen, für die ich aus heutiger Sicht auch Verständnis habe. Eine sehr große Freude ist für mich daher, dass diese Aufgebrachtheit heute völlig weg ist und man sich wieder gefunden hat in einer schönen Gemeinsamkeit. Es war eine große Herausforderung in diesem neuen Bezirk ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen, wo man alte Erinnerungen nicht vergessen soll, sich aber dem neuen auch nicht verschließt. Meine größte Freude ist, dass es mit Gottes Hilfe geglückt ist, dass muss ich sagen.

Man ist am Ende der Amtszeit und ist dankbar, der Bezirk ist gut aufgestellt und man hat alles getan bis zum letzten Moment um meinem Nachfolger den Bezirk halbwegs geordnet zu übergeben. Natürlich ist das nicht das Ende, es wird auch eine Weiterentwicklung notwendig sein. Aber meine Freude ist, dass der Bezirk ein geschlossener Bezirk ist, der aber immer offen ist für alles Neue und alles Positive.

Ich merke auch unter den Vorstehern einen umheimlichen Zusammenhalt und eine herzliche Verbundenheit. Dieser Kreis wird mir fehlen, wie auch der schöne Kreis unter den Bezirksämtern mit dem Bezirksapostel.


(Anmerkung der Redaktion:
In der Amtszeit von Bernd Thiel, als Leiter des Bezirks Berlin-Nordwest, setzte Bezirksapostel Wolfgang Nadolny in acht von 10 Gemeinden des Bezirks mindestens einmal einen neuen Gemeindevorsteher. In fünf Gemeinden wurde jeweils zweimal ein neuer Gemeindeleiter beauftragt. In weiteren drei Gemeinden wurde jeweils ein neuer Vorsteher gesetzt. Darüberhinaus wurden zwei neue Bezirksevangelisten ordiniert.)

Woran haben Sie keine so guten Erinnerungen?

BT: Menschliche Niederschläge, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, das war sehr viel hier im Bezirk vorhanden. Auch insbesondere bei Jugendlichen. Außerdem habe ich keine guten Erinnerungen, dass es in einzelnen Gemeinden vorkam, die sehr stark verwandtschaftlich verflechtet sind, dass immer wieder Fehden aufbrachen. Da kann man so wenig einwirken, wenn Familienunstimmigkeiten vorhanden sind.

Auch für den normalen Seelsorgebesuch, den man sehr gerne macht, war die Zeit einfach nicht ausreichend da. Das ist der einzige Punkt, der mich ein bisschen traurig macht.

Die demografischen Entwicklungen machen auch nicht vor unserer Kirche halt. Welches sind, aus Ihrer Sicht, die größten Chancen, die unsere Kirche dabei hat?

BT: Die Chancen liegen darin, die Jugend zu motivieren. Der Jugend eine Gemeinde zu bieten, in der sie Freude haben mitzuarbeiten. Da sind insbesondere die Vorsteher gefordert, kreativ zu sein, wie man die Jugend in Freude einbinden kann. Jugendliche müssen natürlich auch mit einem gewissen Inhalt gefüttert werden, um sich mit ihrem Glauben positiv auseinandersetzen und sich an unserem Glauben erfreuen zu können.

Worin Sehen Sie vielleicht auch Probleme, die der Kirche in diesem Zusammenhang bevor stehen?

BT: Ich sehe gar keine Probleme. Die demografische Entwicklung ist nicht nur eine kirchliche, sondern vor allem eine gesellschaftliche Thematik. Darauf muss man sich einstellen. Probleme entstehen erst dann, wenn man sich auf diese zukünftige Entwicklung nicht rechtzeitig einstellt. Aus meiner Sicht als Bezirksvorsteher, wird massiv in der Kirchenleitung daran gearbeitet sich diesem Thema im Vorfeld zu stellen.

Wie sieht der Bezirk Nordwest in 10 Jahren, Ihrer Meinung nach, aus?

BT: Wir werden noch neun Gemeinden haben. Meine Hoffnung ist, dass sich genügend junge Brüder finden, die sich als Amtsträger zur Verfügung stellen, damit die Versorgung der Gemeinden auch in 10 Jahren gesichert ist. Durch die berufliche Fluktuation – bleibt man in Berlin, muss man berufsbedingt an einen anderen Standort - ist das ein großes Problem.

Für viele sind Sie ein begnadeter Prediger gewesen. Redewendungen, Werbetexte und Sprichwörter, vor Ihnen war kaum etwas sicher. Woher Ihre Inspiration?

BT: Das sind Inspirationen die unterwegs kommen. Zum Beispiel, das „Willkommen im Land der Frühaufsteher“. An jeder Autobahn, wenn man durch Sachsen-Anhalt fährt, sieht man solche Schilder.

Oftmals habe ich versucht, aus bestimmten Kerngedanken den entscheidenden Satz zum Mitnehmen herauszufinden. Da sind dann teilweise kurze Schlagworte entstanden, die aber nirgends in der Werbung zu finden waren. Die waren nirgend auf einem Plakat zu lesen, aber man hat vielleicht den Eindruck, dass das so war. Es waren schon natürlich auch einzelne Dinge, die ich verwendet habe aus der Plakatwerbung, aber die Mehrzahl ist eben neu entstanden durch plakatives Denken.

Das man plakativ denkt,  das hat sicherlich auch mit meiner beruflichen Ausbildung als Werbefachman zu tun.

Und Ihr Lieblingszitat?

BT: Auf Zukunft schalten 

Bevor Sie die Bezirksleitung übernommen haben, waren Sie über 5 Jahre lang Vorsteher der Gemeinde Humboldthain. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit? 

BT: Die Erinnerung ist die, dass eine Gemeinde, die aus vielen Zugereisten gebildet wird, eine Einheit werden kann. Humboldthain ist darin ein Musterbeispiel. Aus vielen gesellschaftlichen Schichten, Charakteren und sehr vielen Originalen entsteht ein Gebilde einer Gemeinschaft, die seinesgleichen sucht. Darin ist auch der Schlüssel zu sehen und das ist bist heute so geblieben.  Dass man sich dort wohl fühlt, dass man sagt, das ist meine Gemeinde und mein Zuhause, solch ein Gefühl ist wünschenswert. Dass so etwas überhaupt funktioniert, ist wie ein Wunder. Dass durch so viele Unterschiedlichkeiten eine Einheit entstanden ist, dass macht mich schon freudig.

Werden Sie zukünftig bei uns in der Gemeinde Ihren Platz finden oder haben Sie vor mit Ihrer Frau viel umherzureisen?

BT: Selbstverständlich ist meine zuständige Gemeinde Humboldthain meine Heimatgemeinde. Der Bezirksapostel sagte aber zu meiner Ordination, meine Heimat ist der Bezirk und da hat er recht. Der Bezirk ist also mein Zuhause. Das heißt, ich werde sicherlich auch zukünftig viele Gemeinden besuchen. Wenn gleich natürlich, schon aufgrund der Entfernung, ein hauptsächlicher Besuch in Humboldthain sein wird. Aber nicht nur, da ich eben auch den Kontakt zum Bezirk nicht verlieren möchte, dort habe ich natürlich auch Viele lieb gewonnen.

Am kommenden Sonntag werden Sie von Bezirksapostel Wolfgang Nadolny in den Ruhestand versetzt. Allerdings kann man sich kaum vorstellen, dass Sie das Wort „Ruhe“ überhaupt kennen. Was haben Sie sich für die Zeit danach vorgenommen?

BT: Ich möchte einfach Ruhe genießen, ich kann einfach auch nur rumsitzen. Sicherlich werde ich auch tätig sein, hier und da. Die Dinge sind aber noch völlig offen. Aber ich muss nicht. Ich kann mich einfach an der Ruhe erfreuen.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

BT: Dass er genauso den Bezirk erlebt, wie ich, mit all den überwiegend positiven Erinnerungen, die ich habe.

Vielen Dank für das Interview.